Predigt

Predigt zum Heiligen Abend 2018 (Familiengottesdienst mit Lesung der Weihnachtsgeschichte)
von Pfarrer Thoralf Spiess

Liebe Gemeinde, bevor ich mich der Weihnachtsgeschichte, die wir eben gehört haben, zuwende, möchte ich eine andere, viel ältere Geschichte erzählen, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird, der über 400 Jahre vor Christus gelebt und gewirkt hat.

Ein Mann kam ganz aufgeregt zu Sokrates gelaufen und rief atemlos: Sokrates, Sokrates, das glaubst du nicht, ich muss dir was erzählen …
Halt, stopp, unterbrach Sokrates ihn – Hast du das, was du mir erzählen willst, vorher durch die drei Siebe gesiebt?
Darauf der Mann: Welche drei Siebe, ich weiss nicht was du meinst!
Darauf Sokrates: Das Sieb der Wahrheit, das Sieb der Güte und das Sieb der Notwendigkeit!
Ist das, was du mir erzählen willst, wahr? Hast du das geprüft? Der Mann: Nein, mein Kollege hat es mir erzählt, aber dabei gewesen bin ich nicht.
Nun, fragte darauf hin Sokrates – Willst du mir denn etwas Gutes erzählen? – Der Mann: Nein, leider auch nicht, es geht vielmehr um eine riesengrosse Schweinerei.
Darauf Sokrates: Und ist es überhaupt notwendig, dass du mir diese Geschichte erzählst? – Auch diese Frage konnte der Mann nicht positiv beantworten.
Darauf Sokrates: Mein Freund, behalte für dich, was du mir erzählen wolltest. Wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, will ich es nicht wissen. Behalte es für dich!

Liebe Gemeinde, ich wünschte mir sehr, gerade in unserer Zeit, in der wir alle das Fremdwort „Fakenews“ lernen mussten, dass diese Geschichte vom Umgang mit Kommunikation von jedermann gekannt und beherzigt würde. Schon deshalb habe ich sie jetzt gern erzählt.
Aber heute, am Heiligen Abend möchte ich die Prüftechnik mit den drei Sieben sogar einmal auf die Weihnachtsgeschichte anwenden, ich will sozusagen die Weihnachtsgeschichte durch die drei Siebe des Sokrates schütten und mit Ihnen gemeinsam nachschauen, was dabei unten rauskommt.

Das erste Sieb der Wahrheit. Ist die Weihnachtsgeschichte eigentlich wahr? Das ist schwierig zu sagen, hier muss ich ein bisschen rumeiern, mich quasi in ein JEIN retten. Die Weihnachtsgeschichte ist ja auch ziemlich alt, knapp 2000 Jahre. Fakt ist, dass bei der Geburt von Jesus damals niemand sein Smartphone gezückt und Fotos gemacht hat, es gab auch kein Standesamt, welches die Geburt verzeichnet hätte, und die Listen von der Volkszählung, die Augustus angeordnet hatte, sind auch nicht überliefert. Wir wissen aber so manches sicher, was in der Weihnachtsgeschichte erzählt wird, insofern ist sie möglich – nichts spricht gegen sie!

1. Die Volkszählung hat es wirklich gegeben, Kaiser Augustus hatte sie vor 16 vor Christus. angeordnet und zwischen 7-6 vor Christus wurde sie unter dem syrischen Statthalter Quirinius auch in Israel umgesetzt. Insofern könnte die Geburt Jesu zwischen 8-6 „vor seiner Geburt“ stattgefunden haben.

2. In dieser Zeit soll es besondere Planetenkonstellationen und auch einen Kometen gegeben haben, die sich vielleicht als der Stern von Bethlehem in der Weihnachtsgeschichte niedergeschlagen haben.

3. Wir wissen sicher, dass Jesus gelebt hat und ungefähr 30 nach Christus hingerichtet und dabei als Nazarener bezeichnet wurde; also muss er vorher irgendwann geboren worden sein, warum nicht in Bethlehem, warum nicht in einer Notunterkunft?

4. Wir wissen, dass König Herodes ein brutaler Herrscher war, der sogar eigene Söhne ermorden liess, wenn er sie als Konkurrenz fürchtete. Warum also nicht vorsorglich auch die Kinder von Bethlehem, wenn es doch alttestamentlichen Weissagungen gab, dass von dort ein neuer König kommen sollte?

Deshalb noch einmal zur Wahrheitsfrage: Wir können die Weihnachtsgeschichte nicht beweisen, aber sie war auf jeden Fall möglich. Wir können aber erkennen, dass die Weihnachtsgeschichte auf 4 alttestamentlichen Zitaten ruht, die quasi wie Säulen die Weihnachtsgeschichte tragen:

1. Jesaja: Darum wird euch der Herr ein Zeichen geben: Seht, die junge Frau (Jungfrau) wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.

2. Micha: Aber du, Betlehem, so klein unter den Städten Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.

3. Hosea: Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten.

4. die Erwähnung eines Kindermordes in der Nähe von Jerusalem bei Jeremia.

Und so kann man zu dem Befund kommen, dass die Weihnachtsgeschichten von Lukas und Matthäus nie Tatsachenberichte sein wollten, sondern Menschen, die bereits von Jesus Christus berührt worden sind, das Wesen von menschgewordenen Gott näherbringen wollten. Und deshalb stellt sich die Wahrheitsfrage im Falle der Weihnachtsgeschichte anders als etwa bei einem Gerichtsprozess. Wahr ist einfach, dass sich Menschen überlegt haben, wie könnte die Geburt von Jesus vonstatten gegangen sein. Was verbindet Jesus, der schliesslich in Nazareth aufwuchs, mit der Davidsstadt Bethlehem? Warum wissen wir über die frühen Kindheitsjahre nichts (Weil er mit seinen Eltern fliehen musste?)? Alle diese berechtigten Fragen werden mit der Weihnachtsgeschichte plausibel und ergreifend beantwortet, und das macht die Weihnachtsgeschichte zu einer «wahren» Erfahrung der Menschheit.

Liebe Gemeinde, kommen wir zum zweiten Sieb, dem Sieb der Güte. Ist die Weihnachtsgeschichte eine gute, wertvolle Geschichte, die die Menschen bereichert und froh machen kann?
Ich denke, dass man diese Frage uneingeschränkt mit Ja beantworten kann. Wenn ich mir überlege, wie viele spätere Geschichten, Lieder, Bilder und Musikstücke sich auf diese kleine Geschichte beziehen, dann komme ich aus dem Stauen nicht wieder heraus. Allein in unserem Gesangbuch gibt es über 50 Advents/Weihnachtslieder, und da ist ja O Tannenbaum und I wish you merry Christmas noch gar nicht dabei. Bei Wikipedia fand ich eine unglaublich lange Liste von Weihnachtskantaten, in Gemäldegalerien sehen wir unzählige Krippenbilder … Es war Menschen zu allen Zeiten ein Bedürfnis, die Weihnachtsgeschichte mit allen erdenklichen Mitteln wieder und wieder zu erzählen, weil sie eine gute, mut- und frohmachende Geschichte ist. Menschen schöpfen Hoffnung aus ihr, versammeln sich gemeinsam, um sie zu lesen oder zu singen, feiern sie in Familien und Arbeitskollektiven gemeinsam … Menschen denken zu Weihnachten an einsame Nachbarn, an hungrige Kinder, an Flüchtlinge und Kranke … So etwas kann nur eine wirklich gute Geschichte bewirken, und das tut die Weihnachtsgeschichte nun schon viele Jahrhunderte lang auf dieser Welt, und wird sie, solange sie erzählt wird, auch weiter tun.

Nehmen wir das dritte Sieb, das Sieb der Notwendigkeit: Ist die Weihnachtsgeschichte notwendig, muss sie erzählt werden?
Das ist schwierig zu beantworten, denn selbst in unserer unmittelbaren Umgebung gibt es viele Menschen, die sich zu Weihnachten gar nicht (mehr) die Weihnachtsgeschichte erzählen. Tannenbaum, Kerzen, Stollen, Geschenke und Glühwein gibts auch ohne, genauso wie es Pyramiden gibt, auf denen nur Rehe im Kreis rumrennen und Schwibbbögen mit Bergmännern, Schnitzern und Klöpplerinnen oder Stadtansichten … Aber man muss sich schon anstrengen, wenn man Weihnachten ohne christliche Bezüge feiern will, und manches Weihnachtsfest gelingt auch gerade deshalb nicht, weil es allein auf Gänsebraten und Geschenke gegründet wird. Andererseits erzählt die Weihnachtsgeschichte ja viel mehr als nur, wie Jesus geboren wurde …Sie erzählt ja vor allem, wer in der Person Jesu geboren wurde: Zusammen mit den Weissagungen aus dem Alten Testament erzählt die Weihnachtsgeschichte, wer in der uns seitdem bis heute so heiligen Nacht geboren wurde. Jesaja sagt: Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heisst Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seiner Herrschaft gross werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass ers stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit … Die Weihnachtsgeschichte erzählt das so ähnlich, nur einfacher, konkreter: Ein Kind wird auf Wanderschaft geboren, es hat keine richtige Unterkunft und Versorgung, aber schnell kommen Fremde, einfache Menschen dazu und freuen sich mit den Eltern über den Neugeborenen und setzen ihre Hoffnungen in ihn … Schliesslich wird das Kind noch von Weisen verehrt, auch sie, die so viel erfahrener und erhabener als das Kind sind, erhoffen ihn ihm einen neuen König und Retter dieser Welt, der Gerechtigkeit und Frieden bringt. Und dann muss das Kind fliehen, weil der amtierende König Konkurrenz fürchtet – zurecht, denn Jesus wird als Erwachsener ein neues Königtum verkörpern, das sich mit den herkömmlichen Königtümern nicht verträgt, bis heute nicht …
Liebe Gemeinde – Muss diese Geschichte bis heute erzählt werden? Ist das notwendig?
Ich denke JA, denn bis heute erleben wir, dass Kinder in Armut aufwachsen und dennoch erstaunliche Lebenswege gehen, bis heute erleben wir, dass sich völlig fremde Menschen in Notsituationen beistehen und so zu Nächsten werden, bis heute erleben wir, dass Kinder flüchten müssen und auf ihren schwierigen Wegen durch die Welt Erfahrungen machen, die die Sesshaften bereichern können. Wir brauchen diese Geschichte, weil sie uns mehr Hoffnung geben kann als die berühmt-berüchtigten Vom-Teller-Wäscher-zum-Millionär-Geschichten, bei denen es nur um Karriere geht. Jesus macht keine Karriere … Jesus wird uns von Gott geschenkt. Er kam wahrscheinlich nicht in einem Palast zur Welt. Sondern er verkörpert mit seinem ganzen sozialen Hintergrund und Auftreten die Schwachen, die Ausgegrenzten, die Kranken, denen die gesellschaftliche Teilhabe so oft verwehrt wird. Und schliesslich wurde er selbst an den Rand gedrängt, verurteilt, hingerichtet. Aber Gott hat ihn stets begleitet und zu ihm gestanden, als er als Kind im Stall geboren wurde – und auch – als er sterben musste, weil er seinen Zeitgenossen im Wege stand. Doch das ist eine andere Geschichte, die wir uns zu anderen Zeiten erzählen. Und auch die könnte man einmal mit den drei Sieben des Sokrates sieben …
Heute und an den kommenden Tagen wollen wir erst einmal die Weihnachtsgeschichte weitererzählen und uns daran freuen. Amen 

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