Predigt

Predigt zum Heiligen Abend 2019 (Familiengottesdienst mit Lesung der Weihnachtsgeschichte) von Pfarrer Thoralf Spiess

Predigttext Galater 4,4-7

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil wir aber Söhne sind, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba – Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

Liebe Gemeinde – manchmal sagen wir von einer ernsten Angelegenheit: Das war aber kein Kindergeburtstag! Ein Wetterfrosch hat einmal vor einem Sturmtief gewarnt und dazu eben gesagt: Das wird kein Kindergeburtstag! Wir kennen auch die Feststellung: Das Leben ist kein Kindergeburtstag! Es gibt sogar einen Roman, der so heisst …

Und nun hat jemand diese Redewendung auf den christlichen Glauben bezogen und die umgedrehte Parole herausgegeben: Gegen Ostern ist Weihnachten ein Kindergeburtstag!!!

Ich finde, das ist sehr sprachwitzig, aber stimmt es auch? Ich habe daraufhin prompt mal in unserem Gottesdienstbuch nach den Besucherzahlen unserer Gottesdienste geschaut, die wir zum Ostersonntag und zu Heiligabend in den letzten 24 Jahren hier im Gemeindehaus (ohne Taufe/Konfirmation) verzeichnen konnten. Herausgekommen ist (wie schon vorher vermutet): Zu Ostern durchschnittlich 17,2 / zu Heiligabend 38,9. Schlechtester / bester Ostersonntag: 9 / 29
Schlechtester / bester Heiligabend: 22 / 57

Man könnte also von einer Abstimmung mit den Füssen reden: Der Kindergeburtstag bedeutet Ihnen wesentlich mehr als das Osterfest. Und das scheint in vielen Gemeinden so zu sein. Einen kleinen Hinweis darauf gibt sogar schon der Kollektenplan: Die Kollekte zum Ostergottesdienst kann von der Gemeinde frei verwendet werden; die Kollekte zum Heiligabend wird aber von der Landeskirche festgelegt und ist immer für die Aktion Brot für die Welt bestimmt.

Noch einmal: Gegen Ostern ist Weihnachten ein Kindergeburtstag! Und noch einmal die Gegenfrage: Stimmt das auch?

Zuerst: Natürlich ist Weihnachten ein Kindergeburtstag. Jesus wurde geboren! Das haben wir eben wieder in Weihnachtsgeschichte gehört. Und selbstverständlich ist Ostern etwas anderes als ein Kindergeburtstag: Christus ist von den Toten auferstanden! Sozusagen war der erste Ostersonntag ein Wieder-Geburtstag! – also etwas entschieden anderes als ein Kindergeburtstag … Aber es ist wohl doch nicht richtig zu behaupten, dass Ostern mehr wert und wichtiger wäre als Weihnachten.

Vielmehr gehört ja beides zusammen und umschliesst wie eine Klammer das irdische Leben von Jesus Christus. Zu Weihnachten und Ostern feiern wir die zwei grossen Taten, die Gott an uns Menschen tut und seine Liebe zu uns zeigen.

Liebe Gemeinde – Mit Ostern können wir uns aber in 16 Wochen wieder beschäftigen, jetzt ist ja nun erst einmal Weihnachten! Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott zu uns, auf diese dreckige und unvollkommene Erde kam, in unsere engen Häuser, in unsere oft misslingende Leben. Gott hätte das nicht tun müssen. Er wollte aber, er wollte uns nicht mit uns allein lassen!

Paulus erklärt das in seinem Brief an die Galater so: Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.

Als die Zeit erfüllt war … Das bedeutet, dass Gott seine Schöpfung immer begleitet und achtsam im Auge gehabt hat: Gott war den Menschen zu keinem Zeitpunkt fern, aber zu Weihnachten beschliesst er, noch dichter ranzugehen. Er sendet seinen Sohn, seinen Augapfel … doch er stattet ihn dazu nicht mit einem Rund-Um-Sorglos-Paket aus … Auch die Engel, von denen die Weihnachtsgeschichte erzählt, sind ja keine Leibgarde, sondern eher fachkundiges Publikum. Nein: Gottes Sohn wird von einer einfachen Frau unter sehr einfachen Umständen geboren, wir haben davon in der Weihnachtsgeschichte wieder gehört.

Und er wird, wie Paulus das ausdrückt: Dem Gesetz unterstellt! Das bedeutet, dass er ganz normal behandelt wird, also keine Sonderstellung hat oder Privilegien geniesst. Vor dem Gesetz sind alle gleich, jedenfalls bei Gott … auch Jesus Christus. Und das ist Gott wichtig, das ist sein Plan, denn anders kommt er nicht dicht genug an die Menschen heran.

Gott ist anders! Das war die grosse Losung von Karl Barth 1919, nachdem Europa im 1. Weltkrieg erlebt hatte, wie jedes Land ein und denselben Gott für seine nationalen Zwecke einspannen wollte. Gott ist anders – aber er will uns Menschen nahekommen, deshalb sendet er seinen Sohn in menschlicher Gestalt zu uns und unterstellt ihn unseren alltäglichen Lebensbedingungen. Die da wären (damals wie heute): Es ist nachts oft kalt … Wenn man in der Fremde ist, hat man manchmal Mühe, eine gute Unterkunft zu finden … Wenn frau hochschwanger ist, ist nicht immer auch eine Klinik in der Nähe … Man wird auch nicht immer verstanden, wenn man sich öffentlich äussert, man kann zwar Freunde haben, hat oft aber auch Feinde … Das Leben ist eben, wie gesagt, kein Kindergeburtstag! Diesen alltäglichen Lebensbedingungen setzt Gott seinen Sohn aus, damit er ganz nahe an uns Menschen herankommt.

Liebe Gemeinde – Warum tut Gott das? Paulus schreibt den Galatern: Damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen – also uns, die wir unseren Alltag jeden Tag wieder meistern müssen und dabei oft genug scheitern – damit er also uns davon freikaufe! Das heisst: Indem Gott seinen Sohn unter uns sendet, will er uns von den engen Begrenzungen unseres Daseins befreien und uns einen neuen, weiten Horizont schenken. Wir sollen eine Hoffnung haben und ganz gewisslich wissen, dass wir geliebt sind, von Gott begleitet und geliebt werden. Und Paulus bringt dann diese hoffnungsvolle Perspektive auf den Punkt, indem er sagt: Gott tut das alles, damit wir selbst die Sohnschaft Gottes erlangen!

(Eine Nebenbemerkung: Die Töchter hatte Paulus noch nicht so im Blick, aber er wollte wohl die Galater auch nicht einfach als Kinder bezeichnen, also den Eindruck von Kindergeburtstag vermeiden! Es ist Paulus ernst!)

Liebe Gemeinde – das ist schon stark. Es ist auch nicht ganz einfach zu verstehen … Vielleicht hilft folgendes Bild: Wenn jemand in eine dreckige Grube gefallen ist und dort von allein nicht mehr rauskommt, dann muss ein Retter manchmal auch selbst in das dreckige Loch steigen, um den Verunglückten da rauszuholen. Denken wir an die Kinder in Südamerika, die tagelang in einer Höhle … aushalten mussten, bis Rettungskräfte zu ihnen vordringen konnten. Und wenn diese Rettungsaktion gut geht, kommen sie beide wieder raus aus dem Loch, zwar beide etwas verdreckt, lädiert, aber lebendig!

Paulus meint, was der Evangelist Johannes auch gesagt hat: Gottes Sohn wurde Mensch und wohnte unter uns, damit wir seine Herrlichkeit erkannten und uns daran aufrichten könnten!

Liebe Gemeinde – Was hilft uns das nun alles, und warum ist es ein Grund zur Freude, dass Jesus in unsere Welt gekommen ist? Warum ist das mehr als Kindergeburtstag? Was hat sich für uns geändert?

Paulus erläutert den Christen in Galatien, dass sie von nun an nicht mehr Knechte oder Sklaven fremder Götter oder auch nur ihrer rauen Lebensbedingungen sind, – deren Alltagsleben damals ja auch kein Kindergeburtstag war – sondern dass sie jetzt Gottes Söhne / Familienmitglieder – und damit auch Erben sind! Damit spricht er ihnen eine grosse Heilszusage zu, die auch für uns heute gilt. Denn Galatien ist eine Landschaft mitten in der heutigen Türkei. Damals war Galatien die römische Provinz Galatea. Und die Bewohner Galatiens waren überwiegend keine Juden, so dass auch die christlichen Gemeinden, die in Galatien entstanden waren, keine judenchristlichen Gemeinden, sondern sogenannte heidenchristlichen Gemeinden waren. Und für diese Heidenchristen, die von Jesus Christus gehört hatten und auf ihn vertrauen wollten, war es aber keineswegs sicher, dass sich der Gott des Volkes Israel auch ihnen zuwenden würde. Denn eigentlich gehörten sie ja nicht dazu, so, wie auch wir eigentlich nicht dazu gehören.

Aber Paulus versichert ihnen und damit auch uns: Gerade deshalb hat Gott seinen Sohn unter die Menschen gesandt, damit jede und jeder einen Zugang zu ihm habe und in die Gemeinschaft der Gotteskinder eintreten könne. Und das bedeutet: Die Galater und wir heute – Auch wir dürfen Gott als unseren Vater ansprechen – ganz zärtlich dürfen wir ABBA (deutsch Papa) zu ihm sagen, denn er liebt uns wie seine eigenen Kinder, wie das Volk Israel.

Das ist das, was wir in diesen Tagen wieder wissen sollen und feiern dürfen. Und das ist mehr als Kindergeburtstag. Das ist Weihnachten! Amen.

Und versprochen: Über Ostern unterhalten wir uns in 16 Wochen. Alles zu seiner Zeit …

Ihre Meinungen, Kommentare usw. sind für den Prediger wertvoll!
Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen!