Predigt

Hier können Sie den Gottesdienst unserer Gemeinde vom 19. März 2017, der vom Mitteldeutschen Rundfunk MDR-Kultur übertragen wurde, in einer eigenen Aufnahme noch einmal nachhören:

kurz vor Beginn der Übertragung

Rundfunkgottesdienst 19.03.2017

Die Predigt können sie hier auch nachlesen:

Predigt am 19. März 2017 (Gottesdienstübertragung durch MDR-Kultur) von Pfarrer Thoralf Spiess zu Lukas 9,57-62

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm (Jesus): Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde, ab und zu sehe ich ihn, wenn ich abends oder nachts mit dem Auto nach Hause komme: Einen Fuchs, der schnell über die Strasse huscht, um dann wieder in einem der Villengrundstücke zu verschwinden, die das Stadtviertel hier prägen. Irgendwo muss er hier in der Nähe seinen Bau haben. Manchmal höre ich ihn nachts auch bellen. An ihn muss ich denken, wenn ich lese, was Jesus da einem Menschen erwidert hatte, als dieser sich ihm anschliessen wollte: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Das klingt einsam, sehr einsam, liebe Gemeinde. Ich stelle mir den Fuchs immer sehr einsam vor, so allein und fremd in dieser zwar grünen, aber doch verkehrsreichen Ecke von Chemnitz. Den Vögeln geht es hier in der Gegend bestimmt besser.
Auch Jesus muss sehr einsam und unruhig gewesen sein. Der Evangelist Lukas erzählt uns davon. Vielleicht hatte Lukas ein besonderes Gespür dafür, er soll Arzt gewesen sein. An manchen Stellen seines Evangeliums blitzen medizinische Fachkenntnisse auf. Lukas beschreibt einen schroffen, kantigen Jesus. Er zitiert Jesus mit starken, ja abweisenden Worten, die zu markigen Sprüchen geworden sind. Die sogar elitär wirken:
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Lass die Toten ihre Toten begraben … Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Eine gewaltige Unruhe, ein gewaltiger Zeitdruck wird an diesen Aussagen ablesbar: Keinen Ort, um sich einmal zurückziehen zu können. Keine Zeit, Abschied zu nehmen. Keine Pause, um einfach einmal innezuhalten.
Liebe Gemeinde, wir erleben Jesus hier ungeschönt. Er klagt. Er fordert. Er wird einsam. Ein paradoxerweise einsamer Menschenfreund! Wie konnte es dazu kommen? Dafür gibt es wohl zwei Gründe:
Zum einen hat Jesus selbst vertraute Bindungen und Räume verlassen, von sich abgestreift wie Kinderkleider, die nicht mehr passen. Seine Familie, seine Heimat, seinen ebensunterhalt, die religiösen Traditionen, in denen er aufgewachsen war – einfach alles, was sonst üblicherweise Sicherheit und Geborgenheit geben kann. Das hat er alles hinter sich gelassen, um für sich und alle Menschen einen neuen Weg zu Gott zu bahnen. Er wollte neue Brücken zu Gott bauen. Dazu musste er erstarrte Denkweisen aufbrechen und verkrustete Beziehungen abbrechen. Das war schmerzlich, aber notwendig. Der Aufbruch hin zum Reich Gottes hat Jesus einsam gemacht.
Zum anderen war Jesus deshalb einsam, weil er selbst von anderen verlassen wurde. Viele haben ihn bewundert und wollten begeistert mit ihm gehen, sind aber nicht weit gekommen. Ein Reicher kam hoffnungsvoll auf Jesus zu und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Als Jesus ihm vorschlug, seinen Reichtum zugunsten der Armen aufzugeben, da konnte er es nicht. Und schon trennten sich ihre Wege wieder. Judas begleitete Jesus lange, bis auf den Ölberg bei Jerusalem. Dort verriet er seinen Freund, seine Ideale für Geld. Petrus schaffte es noch ein paar wenige Stunden weiter, bis zum Verhör Jesu im Palast des Hohenpriesters. Dort leugnete er dreimal, Jesus zu kennen. Und der Hahn krähte. Andere wurden von Jesus persönlich eingeladen, mit ihm gemeinsam neue Wege zu Gott zu suchen. Sie fühlten sich angesprochen, antworteten darauf aber mit Vorbehalten und Bedingungen: Ich muss mich erst noch von meiner Familie verabschieden… Ich will erst noch meine privaten Angelegenheiten ordnen… Ich möchte meine Entscheidung doch noch einmal überschlafen…
Liebe Gemeinde, mich erinnert das alles an das trotzig-traurige Lied „Schlaraffenberg“ von der DDR-Rockgruppe Karussell. Da will einer zu seiner Liebsten kommen, sieht sich aber von allerlei Widerständen daran gehindert. Und er schwört ihr, sich durch alle diese Hindernisse durchzukämpfen:
„Verdammt – Erst durch diesen Berg Organisiertheit, / erst durch diesen Berg Schokoladen-Ersatz, / erst durch diesen Berg Cleverness und Blasiertheit, / dann bin ich bei Dir!“
Das war einerseits eine handfeste Systemkritik an der Grenze des damals Erlaubten. Andererseits aber auch eine sehr persönliche Bankrott-Erklärung. Denn er schafft es einfach nicht, diese Hindernisse zu überwinden. Und das liegt nicht nur am System. Schon allein das Wort Schokoladen-Ersatz spricht Bände. Wir haben doch alle gewusst, dass wir betrogen werden, und trotzdem die Schlager-Süsstafeln in uns hineingestopft. Und im Grunde machen wir das heute immer noch: Erst noch schnell konsumieren, und dann … – Ja, was dann? Dann ist die Liebe kalt. Dann ist der Aufbruch versandet. Dann ist die Umwelt kaputt.
Liebe Gemeinde – Jesus war einsam. Er hat verlassen, hat zurückgelassen, und er wurde verlassen. Er war radikal unruhig und einsam.
Wir hören das Wort radikal in unserer Zeit nicht so gern. Wir erleben heute in unserer nächsten Nähe, dass Menschen sich radikalisieren oder radikalisieren lassen und dann zum Äussersten bereit sind: Waffen werden eingeschleust, Lastwagen entführt, aber auch Steine auf Kirchenfenster geworfen und Flüchtlingsunterkünfte angezündet. Doch es gibt auch andere mögliche Radikalisierungen: Man kann auch radikal ehrlich, radikal selbstlos, radikal gewaltfrei sein. Jesus war so ein Radikaler: ein radikaler Wanderprediger auf dem Weg nach Jerusalem, in das damalige Zentrum der Macht. Radikal einsam und unruhig. Aber auch radikal ehrlich, selbstlos und gewaltfrei. Und er konnte auf seinem Weg nach Jerusalem nur solche Begleiter mitnehmen, die ebenso radikal unruhig, ehrlich, selbstlos und gewaltfrei sind wie er selbst. Denn es war Jesus klar: Es wird ein gefährlicher Weg. Und am Ende, das wissen wir, ging Jesus diesen Weg allein. Ganz allein?
Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde, als Christen hoffen und glauben wir, dass Jesus auf seinem Weg in letzter Konsequenz nicht allein gelassen worden war. Als sich alle von Jesus abgewandt hatten oder geflüchtet waren, erlebte Jesus die tiefstmögliche Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann. Aber dann wurde er von Gott aufgefangen. Auf seinen radikal-entschiedenen Weg hin zu Selbstaufgabe, Leid und Tod folgte eine ebenso radikale Wende zu Befreiung und Leben.
Die späten Schriften des Alten Testaments haben eine solche Wende erwartet, und die Evangelien berichten uns nun davon. Das ist eine gute Nachricht, die uns im Leben helfen kann. Denn das Wissen um die Möglichkeit zu einer solchen Wende kann uns bis heute zu radikalem Gottvertrauen und damit auch zu radikaler Selbstlosigkeit ermutigen. Unsere Welt braucht immer wieder eine solche radikale Selbstlosigkeit, um einen neuen Anfang zu wagen. Erinnern wir uns an die Reformation der Kirche vor 500 Jahren, an die Bekennende Kirche in der Zeit des Dritten Reiches oder an die mutigen Proteste zur Wende in Plauen und Leipzig.
Martin Luther und Huldrich Zwingli vertrauten radikal auf das Evangelium und widerstanden allen Einschüchterungsversuchen. Die Bekennende Kirche fand 1934 in der Theologischen Erklärung von Barmen eine radikal klare Position gegenüber dem Machtanspruch der nationalsozialistischen Herrscher. Unter dem Leitspruch „Keine Gewalt“ gewannen Demonstranten 1989 in der DDR den öffentlichen Raum für sich und erzwangen so mit friedlichen Mitteln einen Dialog mit den Staatsorganen, der zu einer radikalen politischen Wende führte.
Liebe Gemeinde, das sind historische Zeugnisse von der Kraft des Glaubens, den Jesus vorgelebt hat und uns näherbringen will. Jesus war einsam, weil er ein Menschenfreund war. Er wurde von Freunden verlassen, weil er ihnen zu radikal war. Er ging trotzdem unbeirrt seinen Weg zu Gott, damit auch wir zu Gott kommen können. Jesus hat uns auf diesen Weg eingeladen und eine mögliche Wegbeschreibung mitgegeben: Es kann sein, dass es auch für uns einmal schwere Wegstrecken geben wird!
Das können heute ganz alltägliche Situationen sein, die uns aber einsam machen, in der Substanz angreifen und herausfordern können. Es verunsichert zum Beispiel tief, wenn bei Familienfesten unversöhnliche politische Meinungen hart aufeinanderprallen und man um des Familienfriedens Willen am liebsten nur schweigen und seine ehrliche Meinung verleugnen möchte. Es braucht enormen Mut, Widerspruch zu erheben, wenn im Sportverein diskriminierende Witze erzählt werden und in der Sauna rassistische Bemerkungen fallen. Es fordert viel Kraft, sich für Flüchtlinge einzusetzen und sich gegen deren Abschiebung zu wehren. Es kostet richtiges Geld, wenn man Hilfsbedürftige wirksam unterstützen will und sich für eine faire, gerechte und ökologische Lebensweise entscheidet. All das kann uns einsam machen, selbst unter Freunden.
Aber Jesus verspricht uns, dass wir, gerade wenn wir uns für andere Menschen einsetzen, in Gott immer einen verlässlichen Wegbegleiter haben werden. Mögen wir seine Begleitung auf unseren Wegen spüren. Amen

 

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