Predigt

Predigt zum Reformationstag 2020 von Pfarrer Thoralf Spiess

Predigttext Lukas 11,27+28

Zweierlei Seligpreisungen

Und es geschah, als er (Jesus) das sagte, dass eine Frau aus der Menge ihre Stimme erhob und zu ihm sagte: Selig der Schoss, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. Er aber sprach: Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren. Amen

Liebe Gemeinde – Sie werden es nicht glauben, aber es ist schon über ein Jahr her, dass ich mir vorgenommen hatte, heute am Reformationstag über diesen Text zu predigen. Ich hatte diese kleine Geschichte vor gut einem Jahr zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und sofort gedacht: Der passt ja zum Reformationstag wie die Faust aufs Auge … Aber vor einem Jahr gab es dann keine Gelegenheit dazu, da wir unser Gemeindejubliäum feierten und am Reformationstag unseren Präses als Prediger zu Gast hatten. Aber heute ist der Text für mich dran – ich lese ihn nocheinmal:

Und es geschah, als er das sagte, dass eine Frau aus der Menge ihre Stimme erhob und zu ihm sagte: Selig der Schoss, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. Er aber sprach: Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren.

Liebe Gemeinde – Warum wähle ich diese Geschichte für eine Predigt am Reformationstag? Vergegenwärtigen wir uns doch noch einmal die Parteien, die sich in der Reformationszeit gegenüber standen. Auf der einen Seite die überlieferte traditionsreiche katholische Kirche mit ihrer Jahrhunderte alten, auf die frühen Christen zurückgehenden Geschichte, die aber auch einiges an Ballast mit sich gebracht hat – und auf der anderen Seite die jungen Reformatoren, die diese Kirche von ihrem Ballast befreien und sie dazu wieder allein nach dem Evangelium ausrichten wollten.
Ein Streitpunkt war dabei auch der Marienkult. Die Verehrung von Maria als Mutter Gottes, von der man zu glauben hatte, dass sie ihr erstes Kind, Jesus, allein aus dem Geist Gottes geboren hatte, und von der man schliesslich auch noch glauben sollte, dass ihr ebenso wie ihrem Sohn eine Himmelfahrt zuteil wurde, eine leibliche Aufnahme in den Himmel, wo sie als „Ersterlöste“ an der Auferstehung Christi Teilhabe habe. Sicher gab es noch andere Streitpunkte zwischen der alten und der reformatorischen Kirche (Ablasshandel / Fegefeuerlehre / Heiligenverehrung / Eucharistie/Abendmahl) – aber der Marienkult gehörte fest dazu und trennt die Kirchen bis heute – und wir denken am Reformationstag an den Beginn dieser Auseindersetzung, die zu dieser Trennung geführt hatte.
Wenn ich nun aber diese kurze Geschichte überdenke, die Lukas erzählt, dann frage ich mich, wie es überhaupt einmal zum Marienkult kommen konnte. Denn in unserem Predigttext bezieht Jesus doch ganz klar Position gegen eine Verehrung seiner Mutter!

Was war passiert? Da setzt eine Frau, die Jesus predigen hört und von seiner Weisheit total ergriffen wird, zu grossen Lobeshymnen auf dessen Mutter an. Sie will ganz bestimmt nur Gutes. Wahrscheinlich ist sie selbst Mutter – nur ihre eigenen Kinder sind nicht ganz so wie dieser Jesus geraten, weshalb sie voller Respekt und Anerkennung ihre Mutterkollegin lobt und preist – in ganz mütterlichen Worten: Selig der Schoss, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. Doch Jesus, dieser vermeintlich gutgeratene Sohn, stimmt nicht in diesen Lobpreis ein, sondern antwortet: Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren. Ist Jesus undankbar? Hat er vergessen, wo er herkommt? Das hatte man Jesus ja öfter vorgeworfen … aus Nazareth???
Liebe Gemeinde – man kann sich vorstellen, dass diese Frau sich wie vor den Kopf gestossen gefühlt hat. Aber man muss sich auch einmal überlegen, wie Jesus sich in dieser Situation gefühlt haben könnte: Da tritt ein erwachsener Mann auf und beeindruckt die Menschen durch sein Reden und Handeln und wird von ihnen als Autorität empfunden, und dann kommt eine Frau und erinnert ihn öffentlich daran, dass da eine Mutter war, die diesen Mann geboren hat und ihn mit der Milch ihrer Brüsten gestillt hat. Das macht doch diesen anerkannten Mann plötzlich wieder zu einem kleinen Kind und Säugling – das schmälert doch seine Autorität!

Liebe Gemeinde – lassen Sie uns einmal zur Ehrenrettung der Frau einmal annehmen, dass sie genau das nicht vorhatte, sondern nur ganz unbekümmert ihrer Begeisterung Ausdruck geben wollte. Und lassen Sie uns gleichzeitig annehmen, dass Jesus diese Frau nicht verletzen wollte, sondern dass in seiner Antwort – Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren. – vielleicht einen kleiner ironischer Unterton mitschwang, aber mehr noch eine Ermutigung:
Selig vielmehr … das kann man nämlich entweder alternativ verstehen –
also selig ist nicht, wer das und das tut, sondern …
man kann es aber auch steigernd verstehen im Sinne von: noch seliger ist, wer …

Liebe Gemeinde – Wenn wir die Evangelien danach befragen, wie das Verhältnis von Jesus und Maria, von Mutter und Sohn gewesen ist, dann finden wir solche und solche Aussagen: Jesus war einerseits bestimmt kein „vorbildlicher“ Sohn / Er ging seinen eigenen Weg und die, die ihm dabei folgten, nannte er seine Brüder und Schwestern und Mütter. Seine Wahl-Familie bestand und besteht bsi heute aus denen, die Gottes Wort hörten und bewahrten. Man kommt nicht um denEindruck herum, dass sich Jesus seiner Familie entfremdet hat, weil er um eine besondere Vaterschaft wusste. Maria aber wurde, obwohl ihr das alles unfreiweillig geschah und sie nicht alles verstand, zu seiner treuesten Begleiterin, bis auf den Berg Golgatha und ans Grab. Von Jesu Geburt an hatte sie alle die Worte aufgesogen, die man über ihren Sohn wusste und sagte – O-Ton Weihnachtsgeschichte: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Liebe Gemeinde – Interessant am heutigen Reformationstag aber ist, wie verschieden die Kirchen mit dieser kleinen biblischen Geschichte umgehen: In der römisch-katholischen Kirche gehört sie zum festen Kanon der Texte zu Mariä Himmelfahrt und zum Muttertag. Lukas 11,27 spielt im Hinblick auf die Mutterschaft allgemein eine grosse Rolle: Selig der Schoss und die Brüste … Den evangelischen Kirchen ist eher Lukas 11,28 wichtig: Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren. So selektiv sind die Lesarten der Evangelien bis heute. Doch gerechterweise muss man auch sagen, dass es durchaus evanglische Söhne gibt, die ihre Mütter sehr lieben achten, und römisch-katholische Christen, die Gottes Wort ganz trefflich kennen und leben … Amen

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