Predigt

Predigt zum Silvesterabend 2021 in der Ev.-reformierten Kirche zu Leipzig – Pfarrer Thoralf Spiess

Grundlage ist der Liedtext „Von guten Mächten treu und still umgeben“ von Dietrich Bonhoeffer (EG 65)

Liebe Gemeinde (im Gottesddienst in der Ev.-reformierten Kirche zu Leipzig), die Liedstrophen des Liedes „Von guten Mächten“, die wir gerade miteinander gesungen haben, hat Dietrich Bonhoeffer 1944 vor 77 Jahren als Gedicht verfasst.

Die meisten von uns kennen das Lied. Es wird im Gesangbuch der säkularen Jahreswende zugeordnet, passt aber genauso gut zum Ende des Kirchenjahres, denn: Es geht um Übergangssituationen, es geht um das Überschreiten von Schwellen und Grenzen, vom Alten zum Neuen, vom Zurück-Liegenden hin zum Unbekannten und Ungewissen …

Und an solch einer Grenze / Schwelle stehen wir jetzt auch gerade,auch wenn die Einteilung der Zeit in Kalenderjahre, die 10 Tage nach der Wintersonnenwende enden und neu beginnen, eine recht willkürliche Massnahme ist. Es war ein Todesfall, der diese Zeitrechnung begründete. Papst Silvester 1. starb im Jahr 335 eben 10 Tage nach der Wintersonnenwende. Und ihm zu Ehren legte die gregorianische Kalenderreform später fest, dass sein Todestag der letzte Tag des Jahres wäre. Ausgelassen fröhliche Silvesterfeiern gab es damals sicher nicht, weshalb nichts ferner liegt als zu denken, dass man sich über den Tod des Papstes gefreut hätte.

Nun denn, wir kennen heute wohl alle und wünschen uns auch alle ausgelassene fröhliche Feiern zum Jahreswechsel. Wir wissen aber genauso gut, dass solche Feiern und all die Bräuche um sie herum mit Böllern und Bleigiessen und Sekt eher wie ein angstvolles Pfeifen im Wald verstanden werden können denn als eine optimistische Jubelfeier. Jeder Jahreswechsel markiert eine Übergangssituation, es geht wie gesagt um das Überschreiten von Schwellen und Grenzen, vom Alten zum Neuen, vom Zurück-Liegenden hin zum Unbekannten und Ungewissen … Ein Jahreswechsel kann auch Sorgen resp. Angst machen …

Liebe Gemeinde – Dietrich Bonhoeffer schrieb das Gedicht, welches später vertont zu dem Lied wurde, das wir gerade gesungen haben, im Dezember 1944 hinter Gefängnismauern. Ich möchte die dramatischen Umstände, unter denen das Gedicht geschrieben worden war, jetzt nicht detailliert ausbreiten. Nur soviel: Es stand nicht gut für Bonhoeffer und seine Familie, für unzählige Menschen, die im letzten Kriegswinter litten, es war überhaupt nichts Gutes und Hoffnungsvolles zu erwarten als allein ein Ende dieser schrecklichen Zeit. Das Ende kam dann tatsächlich, für viele Menschen, darunter auch Dietrich Bonhoeffer selbst, jedoch zu spät.

Doch in dieser Zeit des Jahreswechsels 44/45 findet Bonhoeffer Worte, die ihn selbst wohl getragen haben – und die bis heute die Kraft haben, auch uns zu tragen:

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. – und –

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last, ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Diese Worte haben bis heute die Kraft, uns ganz tief in unserem Inneren zu berühren. Denn auch wir sind wie aufgeschreckte Seelen. Wir sind von einem organischen Winzling geknebelte Menschen, die gerade nicht mehr ein noch aus wissen. 2021 war das erste vollständig von Corona beherrschte Kalenderjahr, und wir können nicht voraus sagen, was das morgen anbrechende neue Jahr bringen wird. Das macht uns Sorgen, und ich vermute sogar, dass es auch ohne behördliches Böllerverbot heute ruhiger bliebe als früher, weil viele doch nachdenklich geworden sind.

Wie können wir nun dennoch das Vertrauen wagen, dass wir im Grunde von guten Mächten umgeben sind? – Dazu muss man wohl nach der Wirkungsweise dieser guten Mächte fragen. Es sind keine magischen Kräfte, die unsere Sorgen wegzaubern. Dietrich Bonhoeffer schreibt von Treue und Stille, von Obhut und Trost. Kurz: Von fürsorglicher Begleitung. Da ist jemand für mich da! Er bezeugt damit: Hinter oder in den guten Mächten steckt Gott selbst. Gott selbst umgibt, behütet, tröstet – und zwar alle Menschen.

Liebe Gemeinde – Es ist wirklich erstaunlich, dass Bonhoeffer darauf vertrauen konnte und dieses Vertrauen auch noch weitergeben wollte. Er, der im Gefängnis gerade Kontaktbeschränkungen der extremsten Art unterworfen war, begleitet in dieser Situation seine Angehörigen, seine Liebsten. Das Gedicht war einem der letzten Briefe beigelegt,

den er an seine Familie schreiben konnte. Er, der selbst in grössten Nöten war, kümmerte sich um die anderen und seine Worte trösten uns vielleicht gerade deswegen bis heute. Erst recht zeigt die dritte Strophe, die wir nicht gesungen haben, mit welcher Gewissheit Bonhoeffer sein ganzes Leben in Gottes Hand legen konnte und wollte.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.

Liebe Gemeinde – Wir wissen, dass dieser Kelch an Bonhoeffer nicht vorüber ging. Umso beeindruckender ist Bonhoeffers Bekenntnis zu Gott, das er seinem Leben aber auch erst einmal abringen musste. Dietrich Bonhoeffer kannte Tage voller Anfechtungen und Angst. Es gibt frühere Gefängnisbriefe von ihm, da erleben wir ihn auch anders, niedergeschlagen und verzweifelt. Aber auf seinem Weg ist er bis zu einem Punkt geführt worden, wo er in sein persönliches Schicksal einwilligen konnte, selbst wenn es einen schlimmen Ausgang nehmen würde.

Und so beschreibt die vierte Strophe dann auch, dass der Mensch sich zeit seines Lebens auf einem Weg befindet, der zu Gott führen kann. Auf diesem Weg gibt es Höhen und Tiefen, Umwege und Wenden, Vergangenheiten und Stolperfallen – aber jeden Tag auch einen Weg zum Licht, zu Gott.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.

Liebe Gemeinde – wir selbst befinden, nicht nur heute, aber gerade auch heute auf solchen Wegen. Jeder und jede von uns wird heute noch einmal innehalten. Jeder Jahreswechsel markiert eine Übergangssituation, es geht wie gesagt um das Überschreiten von Schwellen und Grenzen, vom Alten zum Neuen, vom Zurück-Liegenden hin zum Unbekannten und Ungewissen … Wir werden uns fragen: Was hatten wir erhofft vom Jahr 2021. Was ist dann gekommen? Was ist gelungen? Was ist uns versagt geblieben? Wer hat uns begleitet? Wer hat uns verlassen?

Mögen wir dann eine gute Bilanz ziehen können, aber auch genug Kraft haben und Tröstung erfahren, wenn wir uns den Antworten stellen, die uns beschweren und bekümmern.

Und wir werden um Mitternacht ganz ähnliche Fragen an das Jahr 2022 stellen. Mögen wir dann genug Vertrauen und Hoffnung haben, dass wir mutig und getrost ins neue Jahr gehen können. Mögen wir das Licht sehen und die Wärme spüren, mit der Gott alle unsere Tage begleiten will – so wie Dietrich Bonhoeffer Gott in der 5. Strophe gebeten hat:

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht. Amen.

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